In natürlichen Ökosystemen geht nur selten etwas verloren: Was für den einen Organismus ein Nebenprodukt ist, kann für einen anderen zur lebenswichtigen Ressource werden. Dieses Prinzip der Wechselbeziehung (Symbiose) findet sich aber nicht nur in der Biologie. Werden Abwärme, Reststoffe oder Nebenprodukte eines Unternehmens als Ressourcen für andere Unternehmen genutzt, spricht man von industrieller Symbiose. Diese Form der Kooperation gilt als einer der zentralen Lösungsansätze zur Dekarbonisierung industrieller Produktion.
Das Prinzip der industriellen Symbiose wird international erforscht und erprobt. Zum Einsatz kommen klimarelevante Schlüsseltechnologien, die eine effiziente Verwendung von Energie als oberstes Prinzip verfolgen. Gleichzeitig steht industrielle Symbiose für einen Wandel weg vom klassischen linearen Wirtschaftssystem, in dem Rohstoffe am Markt beschafft und Reststoffe nach ihrer Nutzung an die Entsorgungswirtschaft abgegeben werden. Stattdessen werden Stoff- und Energieströme als potenzielle Ressourcen verstanden und unternehmensübergreifend genutzt. Die technischen Lösungen dafür sind vielfach bereits vorhanden. Die interdisziplinäre Forschungsarbeit konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Technologie-Systemen, Informationen, Soziologie, Ökonomie und Recht.
Industrielle Symbiose ist längst nicht nur ein internationales Erfolgsmodell. Auch in Österreich werden Ressourcen bereits erfolgreich geteilt. Mit EISER (Energy Integration and Symbiosis for Enhanced Resilience), Cascade und Future Heat Highway werden derzeit verschiedene Projekte umgesetzt, die industriell-symbiotische Ansätze gezielt in die Praxis überführen: EISER fokussiert auf Prozessdesign sowie Wärme- und Wasserintegration in der Industrie. Cascade untersucht das Potenzial von regionaler kaskadischer Nutzung von geothermischen Ressourcen. Future Heat Highway erarbeitet konkrete Roll-out-Pläne für überregionale Fernwärme-Transportleitungen in österreichischen Industrieregionen. Zudem speisen auch heute schon verschiedene österreichische Industriebetriebe überschüssige Abwärme in Fernwärmenetze ein oder nutzen Ressourcen standortübergreifend. Solche Kooperationen zeigen, dass industrielle Symbiose auch hierzulande durch geeignete Geschäfts- und Kooperationsmodelle erfolgreich umgesetzt werden kann.